Eine Bürgermeisterin ist keine Alleinkämpferin

Eine Bürgermeisterin ist keine Alleinkämpferin

Storkows Bürgermeisterin Cornelia Schulze-Ludwig über Verantwortung, Liebe zur Politik und die Leidenschaft, Dinge gemeinsam und im Team zu gestalten.

Frau Schulze-Ludwig, Sie haben sich im Alter von 20 Jahren entschieden, in die Kommunalpolitik zu gehen. Was hat Sie damals daran gereizt?
Mit 17 wurde ich Vorsitzende in unserem Festverein. Wir jungen Leute waren es leid, auf andere zu warten, die uns unsere Freizeitbeschäftigung präsentieren. Also haben wir das selbst in die Hand genommen und einen Verein gegründet. Wir haben tolle Feste organisiert, gemeinsam mit unserem damaligen Bürgermeister Frank Bettin. Er musste dieses Amt aus beruflichen Gründen aufgeben und meine Vereinsmitglieder sagten: „Mensch Conny, das wäre doch was für dich.“ Und das war es. Ich war kurz davor, mein Studium der Politikwissenschaften zu beginnen und begann fast zeitgleich, in der Kommunalpolitik meine Erfahrungen zu sammeln. Am meisten gereizt hat mich die Herausforderung. Wir hatten im Dorf kein Abwasser, kein Gemeindehaus, der Kindergarten schloss und die Schule ebenso. Den Jugendclub hatten wir selbst gerade ins Leben gerufen. Eine löchrige, staubige Sandstraße führte zu unserem Sportplatz, wo das Herz von „Blau-Weiß Alt Stahnsdorf“ schlug. Vereinsleben und Zusammenhalt wird in Alt Stahnsdorf groß geschrieben und ich wusste, gemeinsam mit allen Engagierten kriegen wir das hin.

Offensichtlich hat die Freude am Gestalten nicht nachgelassen. Sie sind im achten Jahr Bürgermeisterin von Storkow, kandidieren nun für weitere acht Jahre…
Meine Motivation von damals ist geblieben. Die Herausforderungen nehmen nicht ab, sie sind nur anders, anspruchsvoller geworden. Meine Arbeit als Bürgermeisterin macht mir Spaß, ich gehe mit Freude ins Rathaus und zu den Menschen in der Stadt und auf den Dörfern. Ich organisiere, steuere, oft muss ich auch schlichten, erkläre und erläutere viel, das ist mein Arbeitsstil. Das alles mache ich nicht alleine, ich habe ein tolles Team und viele Mitstreiter. In dieser kooperativen Art geht das nur gemeinsam. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gesammelt, es macht mehr Arbeit, möglichst viele Menschen „mitzunehmen“, aber wenn viele Menschen die Ideen und Vorhaben verstehen, lassen sie sich später leichter umsetzen.

Wie dürfen wir uns das Jahr 2011 vorstellen, als Sie Ihr Amt als Bürgermeisterin antraten?
Eine Amtsübergabe durch meine Vorgängerin gab es nicht. Unser Bauamt hatte keinen Leiter. In unserem Altenheim türmten sich Schulden von 1,9 Mio. Euro, dann kam das Desaster mit den falschen Abrechnungen und einiges mehr. Das Thema Altanschließerbeiträge war sehr akut. Der Haushalt der Stadt Storkow (Mark) hatte Fehlbeträge von 4,6 Mio. Euro angehäuft. Die Ortsteile fühlten sich abgehängt und hatten die Gemeindegebietsreform noch nicht alle akzeptiert. Es gab Probleme im Tourismusverein, die Stadt Storkow wollte kurz vorher austreten, was aber durch die Stadtverordnetenversammlung verhindert wurde.
Ich habe festgestellt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, die Stadtverordneten und die Ortsbeiräte motiviert waren, an unseren Problemen zu arbeiten, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und anzupacken. Meine ersten zwei Jahre waren hart, insbesondere die finanziellen Spielräume waren eng. Gemeinsam haben wir diese Spielräume gefunden und genutzt. Ob es nun Fördermittel waren, die Zusammenarbeit mit den anderen Kommunen oder auch die personelle Veränderung im so wichtigen Bauamt der Stadt.

Zu einem Ihrer Verdienste gehört, gemeinsam mit den Stadtverordneten den Schuldenberg von Storkow reduziert zu haben. Das hat doch bestimmt zu Einschränkungen an anderer Stelle geführt…
Ohne ging es leider nicht. Wir haben den bis dahin angehäuften Fehlbetrag von 4,6 Mio. Euro seit 2013 abgebaut und hatten 2018 den ersten ausgeglichenen Haushalt. Wir haben keine neuen Kredite aufgenommen und den Schuldenstand von 10,6 Mio. Euro (2008) auf 8,2 Mio. Euro (2018) reduziert. Wir zahlen Stück für Stück unsere Kredite aus den 90er-Jahren zurück. Diese stammen noch von der Sanierung der Fernwärmeanlagen, der Erschließung des Gewerbegebietes und dem Bau der Radwege. Die Stadt hat sich lange Zeit auf große Projekte fokussiert, wie z.B. bis 2009 auf den Wiederaufbau der Burg, danach auf die Alt­stadtkita und auf die Mehrzweckhalle. Da blieb vieles andere liegen und konnte nicht gemacht werden, gerade im Baubereich, Instandhaltungen, Feuerwehrausstattung etc. Wir konnten nur ein kleines Maß an freiwilligen Aufgaben in der Senioren- und Jugendarbeit sowie im sozialen Bereich bei den Vereinen unterstützen. Unsere Spielräume werden nun größer.

Wenn Sie auf die letzten acht Jahre zurückblicken: Welches waren die größten Erfolge, welches die größten Misserfolge?
Unser Stadtleitbild wurde mit großer Bürgerbeteiligung fortgeschrieben, einstimmig von den Stadtverordneten beschlossen und dient als echte Arbeitsgrundlage für die Entwicklung von Storkow.
Seit 2013 haben wir im Haushalt ein Ortsteilbudget, über das die Ortsbeiräte entscheiden. Unser Bürgerbüro als zentraler Ort der Stadtverwaltung wurde eröffnet und bietet zahlreiche Dienstleistungen und Produkte der gesamten Verwaltung an. Wir haben ein Turnhallenkonzept erarbeitet und die „Softline-Arena“ als Mehrzwecksporthalle gebaut. Aktuell sanieren wir die alten Turnhallen, weil wir einen großen Bedarf gerade bei den Vereinen und im Rehasport haben. Die finanzielle Sanierung des Altenheims als hundertprozentige Tochter der Stadt hatte ich schon angesprochen. Das war ein großer Brocken und hat bei allen Beteiligten viel Kraft gekostet. Gemeinsam mit den Mitarbeitern, der Geschäftsführerin, den Stadtverordneten und mit Hilfe des Landes haben wir es letztlich gut geschafft. Unser Altenheim schreibt jetzt schwarze Zahlen und wir haben den Ersatzneubau im letzten Jahr eingeweiht. Aus der Altstadtschule wurde unsere Altstadtkita.
In den Ortsteilen wurde besonders in Gemeindehäuser und in die Feuerwehren investiert. Mit dem Abriss der Blöcke in der Fürstenwalder Straße, der diesen Herbst abgeschlossen sein wird, haben wir einen Schandfleck weniger in der Stadt. Und die positive Haushaltsentwicklung, die uns immer mehr Spielräume verschafft, hatte ich schon erwähnt.
Als unerledigte Baustellen möchte ich hier nennen: Der Breitbandausbau für die noch fehlenden „weißen Flecken“, von denen wir in Storkow einige haben, wurde im letzten Jahr vom Landkreis Oder-Spree ausgeschrieben. In diesem Jahr soll mit dem Ausbau begonnen werden. Diese Maßnahme wird vom Bund gefördert, die Eigenanteile für alle Kommunen übernimmt der Landkreis.
Der Zustand so mancher unserer Straßen ärgert mich sehr. Wir haben im letzten Jahr auf Initiative der Ortsbürgermeister eine Petition an den Landtag übergeben. Hierin fordern wir die Sanierung der Landesstraßen, insbesondere der Ortsverbindungsstraßen. Beispielhaft möchte ich hier nur die Verbindung zwischen Storkow und Görsdorf nennen, die Ortsdurchfahrt Kummersdorf und die Straße zwischen Kehrigk und Groß Eichholz sowie Limsdorf. In der Kernstadt betrifft das insbesondere die Burgstraße. Kurzum, wir sind mit den Entscheidungsträgern auf Landesebene und dem Landesbetrieb im Gespräch, um hier zu positiven Entwicklungen zu kommen. Ich bin dafür zu sagen, was geht und was nicht geht. Wie es gehen kann, haben wir gesehen am Beispiel der Beeskower Chaussee: erst wird gebaut bis zum Bahnübergang, dann bis zur Kreuzung Edeka und nun entspannt den Verkehr seit letztem Jahr der Kreisel. Jetzt muss es in Richtung Innenstadt weitergehen!
Gegenüber dem VBB habe ich gemeinsam mit den Kommunen, die an der Strecke liegen, nochmals die Forderung nach einer Durchbindung der RB 36 nach Berlin (Ostkreuz) erneuert. Eine kürzere Umsteigezeit in Königs Wusterhausen reicht zur Steigerung der Attraktivität und zur Verbesserung der Anbindung von Storkow, Wendisch Rietz und Beeskow nicht aus. Jeder erforderliche Umstieg erhöht nicht nur die Reisezeit, sondern schreckt wegen der damit verbundenen Unbequemlichkeiten und Anschlussrisiken Fahrgäste ab. An dem Ziel des vorhergehenden Landesnahverkehrsplanes, dass alle radialen RB-Linien nach Berlin eingebunden werden, sollte festgehalten werden! Das ist ein richtiges Ziel. Die RB36 ist weit und breit die einzige Radiallinie, die nicht nach Berlin eingebunden werden soll. Ich werde beim VBB und im Infrastrukturministerium weiterhin für eine Einbindung nach Berlin, wie bei allen anderen Radiallinien, kämpfen.

In Ihrem Wahlprogramm lesen wir folgenden Satz: „Storkow ist eine Stadt, in der es attraktiv ist, jung zu sein und alt zu werden!“ Was meinen Sie damit?
Insbesondere möchte ich möglichst beste Rahmenbedingungen für alle Generationen schaffen. Das beginnt beim Wohnen. Die Möglichkeiten seniorengerecht zu wohnen, werden derzeit z.B. ausgebaut. Zum familienfreundlichen Wohnen gehören neue Bauflächen genauso wie der Einbau von Fahrstühlen in unseren Wohnblöcken. Durch unsere neue Drehleiter ist der zweite Rettungsweg gesichert und wir können Veränderungen an den Blöcken vornehmen. Aber dazu gehören auch die Absenkung von Bordsteinen, der Erhalt und Neubau von Spielplätzen, die sportlichen Einrichtungen, der Campus der Europaschule, die Reparatur der Radwege, die Sauberkeit in der Stadt und auch die schöne Gestaltung der Stadt z.B. durch Blumen oder die neue Graffiti-Kunst an der Reichenwalder-Ecke sowie Angebote für die Freizeit z.B. auf der Burg, im Haus der Begegnung oder im neuen Familienzentrum. Ich könnte noch unendlich viele Dinge aufführen. Mein Ziel ist es in den nächsten Jahren einen Bürgerhaushalt einzuführen, dann können wir noch gezielter in Bürgerwünsche investieren.

Wie funktioniert das?
Ein Bürgerhaushalt ist eine Möglichkeit von Bürgerbeteiligung. Das Ziel ist mehr Haushaltstransparenz. Die Bürger können über Teile unserer frei verwendbaren Haushaltsmittel mit diskutieren und mitbestimmen. Wir als Verwaltung moderieren den Prozess.

Bereits zum zweiten Mal ist es Ihnen gelungen, ein breites Unterstützer-Bündnis hinter sich zu vereinen. Warum ist es so wichtig, Rückendeckung von unterschiedlichen Akteuren zu erhalten?
Eine Bürgermeisterin ist keine Alleinkämpferin. Alle Erfolge und jegliche Arbeit sind ein Gemeinschaftswerk mit den Stadtverordneten, den Ortsbeiräten und den Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Sie kümmern sich alle darum, dass es Storkow und seinen Einwohnern gut geht. Sicherlich bin ich die Organisatorin, die Moderatorin und häufig (manchmal) auch die Motivatorin, aber alleine und ohne Unterstützung geht hier gar nichts. Ich bin eine Teamspielerin und das ist auch meinen Unterstützern sehr wichtig. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber arbeiten respektvoll und wohlwollend zusammen und finden, zum Teil auch schwierige, Kompromisse.

Redaktion

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